Platzgen Geschichte

 


 

  Die Entstehung des Platzgens
 
  Vorwort
 
 

Platzgen ist eine mit Tradition verbundene Sportart, die auf den ersten Blick typisch schweizerisch anmuten mag. Bei genauerem Betrachten stellt man aber fest, dass weltweit auffallend viele solcher Spiele betrieben werden. Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass es keinen Kontinent gibt, auf dem diese Wurfsportart nicht in irgendeiner Form betrieben wird.

In den Vereinigten Staaten von Amerika existieren beispielsweise mit der „National Horseshoe Pitchers Association“ (NHPA) und der „United States Quoiting Association“ (USQA) gleich zwei Verbände, unter derer Obhut insgesamt weit über 20'000 lizenzierte Spieler organisiert sind.

Im Gegensatz zu den Schweizer Platzgern ist es den Amerikanern gelungen, aus diesem ursprünglichen Freizeitvergnügen  eine  Sportart von grosser Bedeutung hervor zu bringen. Auf dem Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten finden regelmässig Weltmeisterschaften und sonstige Grossanlässe statt.

Der Ursprung des Platzgens ist offensichtlich in der Schweiz zu suchen, denn gemäss zahlreichen Einträgen in Chroniken wurde dieses Spiele bereits vor ein paar Hundert Jahren im ganzen Land betrieben.

Trotz des mutmasslich helvetischen Ursprungs gelang es den Eidgenossen leider nie, dieses urschweizerische Freizeitvergnügen so zu fördern, dass eine Sportart mit Nationaler Bedeutung daraus geworden wäre.

Ganz im Gegenteil, die Platzger kämpfen heute mehr denn je um Nachwuchs und Akzeptanz in der Öffentlichkeit.

 

  Einleitung
 
 

Haben Sie nicht auch schon erlebt, dass beim Grillieren, an einem Strand, bei der Rast auf einer Wanderung oder auf einem Campingplatz; jemand mit einem herumliegenden Stein  versucht, ein ausgemachtes Ziel zu treffen. Oftmals vergnügen sich mehrere Personen oder gar ganze Familien bei diesem Spiel.

 

Mit solchen Geschicklichkeitsspielen haben sich schon unsere Urahnen die Zeit vertrieben. Je nach Landesteil wurden diese Spiele zwar ganz unterschiedlich benannt, gemeint war aber immer ein Zielwurfspiel.
 

 

 

Auch am wildromantischen Siljansee in Orsa (Schweden) kennt man dieses
Freizeitvergnügen. Hier wird mit Hufeisen geworfen.
 

 

Ab der Jahrhundertwende, bis hin zur Gründung des Platzgerverbandes, findet sich in den Chroniken nur noch der Name Platzgen. Das Wort "Platzgen" lässt sich in keinem Lexikon nachschlagen, es darf aber angenommen werden, dass der Ursprung dieser Sportart, so wie diese heute betrieben wird, im Emmental zu suchen ist.

Bereits der Schriftsteller Jeremias Gotthelf schrieb über "Platzge u Schwirre", deren Umgang man in der Schweiz heute fast ausschliesslich im Kanton Bern kennt.
 

 

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich aus einem einfachen Spiel eine Sportart entwickelt, die heute zwar noch immer zaghaft, aber doch vermehrt auch die Beachtung der Medien findet.

Platzgen hat sich im Bernbiet zu einem Volkssport gemausert. Zwar vermag sich der Platzgersport punkto Mitgliederzahlen nicht mit den Schwingern, den Hornussern oder den Jodlern zu messen, aber in diesen Volkskreisen sind auch die Platzger anzusiedeln.

War das Platzgen in Urzeit eher ein "Arme Leute Sport", so sind unter den heutigen Platzgern Beamte, Unternehmer, Handwerker, Landwirte; kurz gesagt, Leute aus allen Schichten anzutreffen.

Den Platzger findet man an stillen Orten. Oft befinden sich die Platzgeranlagen an Waldrändern, abseits von Hektik, Lärm und Benzingestank.

Beim Platzgen braucht es keine Stoppuhr. Allein der Messstab entscheidet über das Resultat, das mit ruhiger Hand, Konzentration und einem geübten Auge erzielt wird.

Platzgen gehört, wie viele andere Randsportarten auch, zum Breitensport. Dieser wiederum umfasst im Gegensatz zum Leistungssport sämtliche sportlichen Aktivitäten, die hauptsächlich der körperlichen Ertüchtigung, dem Ausgleich von Bewegungsmangel und der Abwechslung dienen und zumeist in der Freizeit betrieben werden. Hierbei spielt nicht zuletzt auch der Spaß am Sport eine entscheidende Rolle.

Noch heute kann sich ein grosser Teil der Bevölkerung unter dem Namen Platzgen keine Vorstellung machen und weiss demzufolge auch nicht, was darunter zu verstehen ist.
 

 

Dieses Spiel ist, so unwahrscheinlich es anmuten mag, nicht in den USA erfunden worden.
Auswanderer haben es aus Deutschland, Österreich und der Schweiz exportiert. Denn das Platzgen oder Plattenwerfen war, als am 15. Dezember 1620 die Mayflower in Plymouth Neu-England anlegte, in der Schweiz bereits urkundlich nachgewiesen.

 
  Vorgeschichte
 

Die durch harte Lebensbedingungen gestählten Helvetier flössten selbst einem Cäsar Achtung ein. Ausgrabungen beweisen, dass die Römer im eroberten Helvetien ihre Leibesübungen betrieben haben.

Nach Festigung des Christentums duldete die Kirche zur leichten Bekehrung der germanischen Volksstämme deren Gewohnheiten in Kraftspielen aller Art. Der Kampf für die Freiheit und die Weihe der Feste durch Körperübungen veranlasste unsere Vorfahren aber auch noch weiterhin durch die Jahrhunderte hindurch, den Leib hart und tüchtig zu machen.

Spärlichen Quellen über die Leibesübungen der früheren Bewohner unseres Landes beginnen in der Hauptsache erst nach der Gründung der Eidgenossenschaft zu fliessen. Danach fanden die alten Schweizerspiele ihre liebevolle Pflege bei den Hirten und Sennen, in den Zünften und Knabenschaften, im Wetteifer der Gemeinden, in der Weihe religiöser Feste und in Bräuchen und Sitten.

Das Spiel musste sich gerade in unserem Land der Gegensätze, im Herzen Europas, am Treffpunkt vieler Kulturen, an wichtigen Durchgangsstrassen zwischen Nord und Süd besonders mannigfaltig und eigenartig entwickeln.

Chroniken melden aus dem Appenzellerland: die ältesten Spiele fanden an so genannten Waid- und Alpstubeten statt. Da übte man sich im Springen, Ringen, Tanzen, Kegelschieben, „Blattenschiessen“ und Steinstossen. Leute beiderlei Geschlechts versammelten sich zu diesem Zweck im Frühling und Herbst auf den hiezu angewiesenen Plätzen. Ein Mitglied des Rates und der Landesweibel beaufsichtigten diese Spiele im Namen der Obrigkeit.

Die älteste Verordnung hierüber lautet folgendermassen: „Die Waid- und Alpstubeten sollen dem jungen Volk nach der Nachmittagspredigt erlaubt sein. Damit sie ihren Mut und die Zucht in Ehren zeigen können, soll deswegen jeder Messmer eine Stunde früher einläuten, damit man an dieselben könne.“
 

Alphirtenfest auf dem Unspunnen
 

An den Kilbinen, z.B. in Urnäsch, übte man sich wie an den Hirtenfesten im Kegelschieben, „Blattenschiessen“, Steinstossen, verbunden mit Jauchzen. Mit Blumensträussen geschmückte Jünglinge und Mädchen zogen unter Gesang durchs Dorf.

Mit ganzer Seele begingen die Schweizer ihre Feiern zur Erinnerung an Waffentaten, an Fasnachts- und Zunftanlässen, wobei die Teilnehmer Frohsinn und Freundschaft, Kraft und Geschicklichkeit in Spielkämpfen pflegten. Die freundschaftlichen Zusammenkünfte scheinen selbst auf die in Fehden verwickelten Brüder ihre einigende Nachwirkung ausgeübt zu haben.

Echt schweizerisch ist der allgemein bekannte Vorfall der Kappeler Milchsuppe, über den der damals anwesende Stadtmeister von Strassburg, Jakob Sturm, erstaunt ausrief: „Ihr Eidgenossen seid wunderliche Leute; bei aller Zwietracht seid ihr eins und vergesst der alten Freundschaft nicht“.
 

Kappeler Milchsuppe anno 1529
 

Das gemeinsame Erleben des ganzen Volkes überbrückte auch Standesunterschiede. Demnach schätzten damals auch Amtspersonen die Volkstümlichen Wettkämpfe. Nach der Wahl der Räte ging man auf einen Platz und sprang, rang, lief und stiess Steine.
 

Entkräftung und Zerfall
 

Solange die Schlag- und Stichwaffen den Schlachterfolg wesentlich beeinflussten, gehörten die Schweizer zu den gesuchten Truppen Mitteleuropas. Zwingli drückte ihre Schlagkraft mit den Worten aus: „Die fremden Angreifer hand uns mit Isen und Hallbarten nie mögen gwünnen“.

Marignano zeigte im Jahre 1515 die Bemeisterung der Kraft durch das Schiesspulver. Damit fiel auch der erste lähmende Schlag auf die im Schweizervolk verwurzelten Körperübungen. Zwar duldeten die Schützen an ihren Festen noch die im 15. und anfangs des 16. Jahrhunderts mit dem Schiessen eng verbundenen Spiele wie Laufen, Springen und Steinstossen; aber immer mehr betrieben sie nur noch Alt und Jung auf dem Lande eifrig.

Früher galten Trunksucht und Völlerei bei den Eidgenossen als Schande; jedoch die Reisläuferei öffnete diesen Lastern Tür und Tor. Ihre gewinnsüchtigen, verrohenden, die Klassen trennenden Folgen trugen dazu bei, das erhabene, einfache, naturnahe, menschenverbindende Kräftemessen vom Übungsplatz angesehener Bürger zu verdrängen und sie im Getriebe der Gassen verkümmern zu lassen.

Die Zwiste der Reformationszeit und der Bauernkrieg waren nicht dazu angetan, den alten Leibesübungen neuen Schwung zu verleihen. Man verbot und bestrafte immer häufiger und nachhaltiger solche Veranstaltungen und glaubte, bei zufälligem Eintreten von Unglücksfällen die Hand Gottes zu fühlen, die das "ruche" Leben, wie es etwa bei solchen Hirtenfesten vorkamen, strafe. So verschwanden viele schöne Spiele.

Die Verbote durch Kirche und Staat klingen für die auf Freiheit gegründete Schweiz seltsam.

Es kam, dass ein Zürcher Mandat aus dem Jahre 1542 den Knäblein verbot, mit steinernen Kugeln zu spielen, zu stöcklen und dergleichen Spiele zu betreiben.

Die jugendlichen Übertreter dieser Verbote sollten mit dem Gatter (Trülle), einer hölzernen Drehmaschine, welche die Leute bis zum Erbrechen herumwirbelte, bestraft werden.

Die neuere Zeit
 

Vereine, Verbände, Erziehungsanstalten und das Militär nehmen sich einiger alter Spiele an.

Zwischen den neuen Strömungen der Leibesübungen schienen unsere alten Schweizer Spiele vollends zu ersticken; aber die Berner und Innerschweizer hielten glücklicherweise zäh an ihren Überlieferungen fest. Der inzwischen stark gewordene Eidgenössische Turnverband war dazu berufen, einige Schweizer Spiele wie Schwingen, Steinstossen, Steinheben und Ringen unter seine starken Fittiche zu nehmen und ihr Weiterleben durch belehrende Kurse und anfeuernde Feste zu gewährleisten.

Vom "Platzgen" oder "Plattenwerfen" lesen wir in alten Chroniken folgende Namen: Tötzlen, Le Palet, Jouer aux couthions, Giovar a plattas, Dar a passers, Dar il buc, Igl stichel, Geissgüggele, Plattenschiessa, Le jeu de la quille cavalière, Stöckle, Stöcklen, Platzgen, Platta stechel, Aux boutons, Platschgere, Plättlen uva.

  • Diese Spiele betrieben die Schweizer in allen möglichen Formen und Entwicklungen.
     

  • Zürcher Mandat 1545: …derglychen ding blatten geschossen, Keglet usw.
     

  • Die Poschiaver verboten in ihren 1550 gedruckten Statuten diese Spiele.
     

  • Das Spiel wird in alten Mandaten oft eingeschränkt, oder gar verboten, so in St. Gallen um 1551 - 1750, Zug 1666, Basel 1715 und auch im Aargau (Baden).
     

  • Im Jahre 1555 verboten die Berner Behörden auf der Schützenmatte das "blattenschiessen".

Auszug aus dem Chorgerichtsmanual von Köniz anno 1587
 

  • Beschreibung der uralten Statt u. Gravenschaft Baden 1578; …daselbst kommen teglich im sommer nach essenszeit vil ehrliche leut zuosammen, etliche, tanzen, andere stossen den stein, etliche schiessen die blaten…oder treiben sonst ehrliche kurzweil.
     

  • Zürcher Mandat 1627: "Wir wöllent, dass die junge Mannschaft ihr Kurzwyl mit Blattenschiessen, Kegeln, Ballenschlahen und Steinstossen wool haben möge; allein dass von Zusähern keine Gwett derby getrieben werdint".
     

  • In Zürich hiess es „Blatte schüsse“.
     

  • Im Zürcher Knonaueramt bestand unter dem Namen „Blättli rüere“ ein Spiel, wobei Knaben mit kleinen, flachen Steinen oder Ziegelstücken nach einem Ziel warfen.
     

  • Berner Mandat 1628/67: "Dessglychen lassen wir zu als Manns und Lybsübung das Kugelwerfen, Ballen- und Kugelschlagen, auch Blattenschiessen ..., doch allein von Kurzweil wegen."
     

  • Blattenschiessen und Kegeln verbot man wegen Gefährdung der Kirchgänger in Engelberg 1632, 1634, 1637 und 1660 für die Zeit während des Gottesdienstes.
     

  • Zug 1666: Den Buben wird wieder bewilligt, im Tätsch Blättli und mit Armbrusten zu schiessen.
     

  • Das Blattenschiessen "ludus disvorum vel lapidum orbiculatorum" "Blatten darmit man schiesst discus", Blattenschiessen "discus ludere". (Denzler 1677, Clavis linguane Latinae Basileae 1677 Ed. VII. Basileae 1716).
     

  • Pfarrarchiv Wangen a. A. 1680: 15.8. "es ist vor Chorgericht erkent worden über Hans und Peter Strasser, dass wie sie ongeacht etlichmal an sie vorganglich chorgerichtlichen Mahnungen des sonntäglichen kaigelns und blattenschiessens nicht müssig gangen, sie zu wohlverdienter Straaf 24 stund incarceriert werden und jeglicher zuhanden des Chorgerichts erlege 10 s."
     

  • Schaffhausen, Hallau 1700: "Auf betreiben der Geistlichen wird das Kegeln (Blattenschiessen) Blättlen und andere Ungebühr, durch welche der Sabbat entheiligt werden möchte, abgeschafft".
     

  • Basel, 1715; Nach Verboten der grossen Reformationsordnung: Es soll gegen diejenigen vorgegangen werden, die an Sonn- uns Festtagen hin und wieder auf St. Peters Platz und anderen Orten als auf dem Schützenhaus aufden Schanzen hinter den Ringmauern in abgelegenen Gassen in der Spitalscheuren, auf den Stattplätzen und den Rheinbrücken auch etwa in Winkeln mit Garten zu spielen,  Platten zu schiessen und andere Üppigkeiten zu verüben kein Scheuns tragen.
     

  • Das Spiel wird in alten Mandaten oft verboten oder eingeschränkt¸Auszüge aus hanschriftlichen Chroniken und aud den Ratsprotokollen der Stadt und Republik St. Gallen 1551 – 1750.

  • An der Chorgerichtssitzung in Oberdiessbach wurde folgendes Urteil gefällt und in den Manualen von 1773 niedergeschrieben: Bendicht und Hans Aebersold werden wegen "stöcklen" und "Blattenschiessen", wobei sie auch gezankt haben, gemassregelt.
     

  • Im Herrschaft-Buch Worb,  S. 69 wurde 1778  folgendes Verbot niedergeschrieben: Verbot wegen dem Kugeln werfen, Kegeln und Platzgen während dem Gottesdienst.

 
  • In Ringgenberg schoss man noch bis 1860 mit 1 - 2 Kg schweren Steinplatten nach einem 10 - 15 m entfernten Ziel. Das wiederholen des Blattenschiessens nach einem missglückten Wurf nannte man "pifren". Dieser Ausdruck war auch bei den Brienzer Buben bei ihrem "Stöcklen" gebräuchlich.
     

  • Nidwaldner Kalender 1888: "Scharmante junge Männer sind auf Besuch gekommen, sind Tag und Wochen dageblieben, haben die Zeit vertrieben mit Niggelschlagen, Blattenschiessen und Mutteli drölen."
     

  • Am Untersee sagte man dem Prinzen Napoleon nach, "er hei ammel mit Talere blättlet".

Hoch über dem Bodensee, mit Blick auf die Insel Reichenau, befindet sich das
Schloss Arenenberg, das Königin Hortense und ihrem Sohn, dem späteren Kaiser Napoleon III
zwischen 1815 und 1838 als Exil diente.
 

                   

Napoleon-Taler ca. 4cm ø
 


 
 
© Christian Zimmermann